Wovon wir uns lösen, damit Wirklichkeit werden kann
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hesse, 1941) Kaum ein Satz beschreibt die Stimmung einer Gründung treffender: Aufbruch, Neugier, Ideen und die Freude darüber, etwas Eigenes in die Welt zu bringen. Auch wir erleben genau das.
Gleichzeitig wird uns bewusst, dass jedem Anfang noch etwas anderes innewohnt: Abschied.
Möglicherweise beginnt eine Gründung weniger mit dem Mut, etwas Neues zu schaffen, als mit der Bereitschaft, sich von etwas zu lösen. Denn Neues entsteht selten einfach zusätzlich. Meist entsteht es erst dort, wo etwas Altes seinen Platz verändern darf.
Wir erleben, dass Entwicklung nicht dort beginnt, wo wir etwas Neues hinzufügen, sondern dort, wo wir bereit sind, etwas Vertrautes loszulassen. Dieser Gedanke begleitet uns in den ersten Monaten von IO & AURA. Und wir vermuten, dass er weit über unsere eigene Gründung hinaus gilt.
Mit der Eintragung unserer Partnerschaftsgesellschaft ist IO & AURA zunächst formal Wirklichkeit geworden. Doch eine Gründung ist kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Was IO & AURA einmal sein wird, liegt nur zum Teil in unseren Händen. Wir bringen Erfahrungen, Ideen und Überzeugungen mit. Gleichzeitig entsteht unsere Beratung erst in der Begegnung mit Menschen, Organisationen und den Herausforderungen, die sie an uns herantragen. Wie jedes lebendige System wird sich auch IO & AURA durch Beziehungen, Rückmeldungen und gemeinsame Erfahrungen verändern. Wir können gestalten, Impulse setzen und Verantwortung übernehmen, aber wir können Entwicklung nicht vollständig planen.
Unsere bisherigen beruflichen Erfahrungen haben uns vor allem in der Einzel- und Teamberatung in verschiedenen Branchen geprägt. Diese Arbeitsfelder und -settings bleiben ein wichtiger Teil unseres beruflichen Handelns und unserer beruflichen Identität. Mit IO & AURA richtet sich unser Blick jedoch stärker auf Organisationen als Ganzes: auf Führung, Zusammenarbeit, Kultur und Veränderung. Nicht weil wir das Bisherige hinter uns lassen möchten, sondern weil wir den Rahmen erweitern wollen, in dem wir wirken.
Gerade deshalb beschäftigt uns nicht nur die Frage, was wir aufbauen wollen, sondern ebenso die Frage, wovon wir uns lösen müssen, damit Entwicklung möglich wird.
Viele entwicklungspsychologische und psychoanalytische Perspektiven beschreiben Entwicklung nicht als das bloße Hinzukommen von etwas Neuem. Entwicklung bedeutet ebenso Ablösung. Wir entwickeln uns nicht allein dadurch, dass wir neue Fähigkeiten erwerben oder neue Wege einschlagen. Wir entwickeln uns auch dadurch, dass wir bereit sind, uns von inneren Gewissheiten, vertrauten Rollen, liebgewonnenen Selbstverständlichkeiten und manchmal sogar von Vorstellungen über uns selbst zu lösen. Nicht, weil sie falsch gewesen wären, sondern weil sie uns bis hierher getragen haben und vermutlich genau deshalb nicht mehr dorthin tragen, wo wir als Nächstes hinwollen.
Ablösung bedeutet für uns dabei nicht Abkehr. Wer sich löst, wendet sich nicht gegen das Bisherige. Er nimmt es mit, nicht mehr als Grenze, sondern als Fundament für den nächsten Entwicklungsschritt. Entwicklung bedeutet nicht, die eigene Geschichte hinter sich zu lassen. Sie bedeutet, den eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Veränderung und Entwicklung: Veränderung kann beschlossen werden. Entwicklung braucht innere Zustimmung.
Mit jeder Ablösung entsteht zunächst ein Zwischenraum. Das Alte trägt nicht mehr in derselben Weise, das Neue hat seine Gestalt noch nicht gefunden. Dieser Zwischenraum fühlt sich selten bequem an. Er ist geprägt von Unsicherheit, offenen Fragen und der Erfahrung, noch nicht zu wissen, wie sich Dinge entwickeln werden.
Der Psychoanalytiker Wilfred Bion griff in diesem Zusammenhang einen Gedanken des englischen Dichters John Keats auf: die Negative Capability – die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und Nicht-Wissen auszuhalten, ohne vorschnell nach Gewissheit oder eindeutigen Erklärungen zu greifen. Gerade in diesem offenen Raum kann Neues entstehen. Möglicherweise ist das der eigentliche Preis und zugleich die eigentliche Chance jedes Neuanfangs.
Entwicklung berührt deshalb auch unser Bedürfnis nach Sicherheit.
In den vergangenen Jahren haben wir uns berufliche Kontexte geschaffen, in denen wir uns orientieren konnten. Wir kannten unsere Rollen, unsere Aufgaben, unsere Netzwerke und die Regeln des Miteinanders. Diese Vertrautheit war nicht selbstverständlich; wir haben sie uns über viele Jahre erarbeitet. Sie gab Sicherheit, Orientierung und ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Mit IO & AURA erweitern wir unseren beruflichen Horizont und verlassen damit zugleich einen Teil der bisherigen Sicherheit. Gerade weil wir das Bestehende nicht hinter uns lassen, sondern bewusst darauf aufbauen, ist dieser Schritt kein Bruch, sondern eine Verschiebung. Und doch bedeutet auch sie, vertraute Sicherheiten ein Stück weit loszulassen.
An die Stelle vertrauter Gewissheiten tritt zunächst etwas anderes: Offenheit. Wir wissen nicht, welche Menschen wir begleiten dürfen. Wir wissen nicht, welche Ideen tragen werden und welche wir wieder verwerfen müssen. Wir wissen nicht, welche Kooperationen entstehen oder welche Wege sich erst unterwegs zeigen werden. Wir wissen auch nicht, welche Irrtümer wir machen und woran wir wachsen werden.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung einer Gründung deshalb nicht darin, jede Unsicherheit möglichst schnell zu beseitigen, sondern darin, handlungsfähig zu bleiben, obwohl noch nicht alles feststeht.
Entwicklung beginnt für uns deshalb auch mit dem Loslassen bestimmter Gewissheiten.
Wir verabschieden uns von der Vorstellung, dass es den perfekten Zeitpunkt für eine Gründung geben könnte. Wahrscheinlich kommt er nie. Ebenso wenig gibt es den Moment, an dem alle Zweifel verschwunden und alle offenen Fragen beantwortet sind.
Wir verabschieden uns auch von dem Anspruch, jede Entscheidung umfassend reflektieren zu müssen. Als Berater*in sind wir es gewohnt, Prozesse sorgfältig zu durchdenken, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Entscheidungen gut zu begründen. Beim Aufbau einer Organisation erleben wir, dass Entwicklung manchmal schneller ist als unsere Reflexion. Nicht jede Entscheidung lässt sich ausführlich diskutieren. Manche müssen wir treffen, obwohl noch Fragen offen sind. Auch das bedeutet für uns, Unsicherheit auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und darauf zu vertrauen, dass sich manche Antworten erst im weiteren Prozess zeigen.
Wir lösen uns von der Überzeugung, dass echte Zusammenarbeit räumliche Nähe voraussetzt. Lange hielten wir die Distanz zwischen unseren Lebensmittelpunkten für ein Argument gegen eine Geschäftspartnerschaft. Heute erleben wir das Gegenteil. Verbundenheit entsteht nicht in erster Linie durch gemeinsame Büros oder kurze Wege, sondern durch eine gemeinsame Haltung, Vertrauen und die Freude daran, miteinander zu denken.
Schließlich lösen wir uns von der Vorstellung, dass Beratung für uns vor allem als Einzelgeschäft funktioniert. Die Solo-Selbstständigkeit schien uns für eine ganze Weile der konsequenteste Weg: unabhängig, schnell und autonom. Heute erleben wir etwas anderes. Im gemeinsamen Denken entstehen Ideen, Fragen und Perspektiven, auf die wir allein nicht gekommen wären. Entscheidungen brauchen manchmal etwas länger und gewinnen gerade dadurch an Qualität.
Vielleicht verändert sich deshalb nicht nur unser Tätigkeitsfeld, sondern vor allem unsere Rollenordnung. Wir bleiben Psychologe, Supervisorin und Beraterinnen und Berater in unseren bisherigen Kontexten. Mit IO & AURA kommt jedoch eine weitere Rolle hinzu: die gemeinsame Verantwortung als Unternehmer*in und Organisationsberater*in. Sie ersetzt das Bisherige nicht. Sie baut darauf auf. Und vielleicht wird sie mit der Zeit stärker in den Vordergrund treten. Heute verstehen wir sie als einen weiteren Entwicklungsschritt; getragen von allem, was uns bis hierher geführt hat.
Vielleicht gilt all das nicht nur für Gründungen.
Auch Organisationen, Teams und Führungskräfte erleben immer wieder, dass Veränderung weniger an fehlenden Ideen scheitert als an der Schwierigkeit, sich innerlich vom Vertrauten zu lösen. Neue Strategien, neue Rollen oder neue Formen der Zusammenarbeit verlangen oft nicht zuerst nach neuen Kompetenzen, sondern nach der Bereitschaft, Gewohntes hinter sich zu lassen und den Zwischenraum auszuhalten, der dadurch entsteht.
Vielleicht beginnt Entwicklung deshalb nicht mit einer neuen Idee, sondern mit der Bereitschaft, Vertrautes loszulassen.
Oder anders gefragt:
Wovon müssen wir uns lösen, damit etwas Neues Wirklichkeit werden kann?

